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Party ohne Ende oder Ende ohne Party?

Zum Angebot der Stadt, Open-Airs künftig kurzfristig anmelden zu dürfen

Wer als Neu-Chemnitzer*in in den letzten Monaten die Zeitung zum Thema Subkultur in Chemnitz las, hätte fast auf die Idee kommen können, die Stadt würde noch richtig attraktiv für Projekte abseits des kulturellen Mainstreams werden. Zwar war das Weltecho von massiven Lärmklagen bedroht und auch mehrere Freiluftfeiern wurde auf Grund ihres nicht ganz legalen Charakters aufgelöst. Doch in beiden Fällen ersann die Verwaltung eine Lösung – aktuell im Falle der Spontanfeiern der Plan, diese 48 Stunden vorher bei der Stadt anmelden zu dürfen und daraufhin die Feier ohne Störung durch Sicherheitskräfte durchführen zu können. Und jetzt, werden wir als Folge dessen nun nie wieder aufgelöste Freetechs zu beklagen haben und werden wir nun eine blühende Subkultur mit Projekten an jeder Ecke haben? Warum wir, die Linksjugend Chemnitz, mitnichten einen solch positiven Eindruck von diesem neuen Projekt der Stadtverwaltung haben und stattdessen fürchten, dass dieses eher einen negativen Einfluss auf die subkulturelle Landschaft in Chemnitz haben wird, werden wir im Folgenden kurz darlegen. Die Idee einer solchen OpenAir-Feier ist eine kostenlose Veranstaltung für Menschen in der Natur zu schaffen. Außerdem wird Wert auf Authentizität, Spontanität und Autarkie gelegt. Für gewöhnlich ist der Charakter einer solchen Feier unkommerziell, das heißt es wird weder kommerziell beworben, noch wird ein Umsatz erwirtschaftet. All jene Aspekte gingen bei diesem Angebot verloren. Zunächst gilt das Angebot eben nicht für jeden beliebigen Ort in der Stadt, sondern nur für drei Grillplätze und den Richard-Hartmann-Platz, die alle vier für eine Freiluftparty nach unserer Vorstellung denkbar ungeeignet sind, da sie nicht das passende Ambiente bieten. Außerdem sind sie nicht abseits gelegen, sodass kein Freiraumcharakter gegeben ist. Allerdings könnte man ein passendes Ambiente auch so schwer erschaffen, da weder der Aufbau einer Bühne noch das Anbringen von Zelten oder Dekorationen erlaubt wird. Wie die Verwaltung sich eine Feier ohne Bühne oder Zelte vorstellt, sei dahingestellt. Sowohl Besucher*innen als auch Technik benötigen, insbesondere in Sommermonaten, einen ausreichenden Regenschutz, der durch diese Beschränkungen eben nicht gewährleistet werden kann. Das finanzielle Risiko, das durch eine Beschädigung der Technik entsteht, ist für die meisten Veranstalter*innen zu hoch. Für eine per Auflage unkommerzielle, spontane Feier entstünden durch die Beschränkungen horrende Kosten. Zunächst wäre das Engagieren einer Sicherheitsfirma notwendig, da die Besucher*innenobergrenze eingehalten werden müsste und die Sicherheit der Gäste gewährleistet werden muss. Außerdem fallen Kosten für GEMA, Lärmmessung und die Geländenutzung an sich an – für den Richard-Hartmann-Platz beispielsweise 400 Euro je Nutzung. Da auch das Aufräumen der jeweiligen Plätze durch den*die Veranstalter*in gewährleistet werden muss, fallen hierfür ebenfalls Kosten an. All dies kann schnell zu Ausgaben im höheren vierstelligen Bereich führen, ein Betrag, der von unkommerziellen Veranstaltungen nicht refinanziert werden kann. Es ist also unwahrscheinlich, dass ein*e Veranstalter*in sich für eine solche Party in den finanziellen Ruin stürzt. Wir befürchten, dass jegliche anderen Open-Airs auf Grundlage dessen noch repressiver behandelt werden, als dies aktuell schon der Fall ist. Dadurch ergibt sich für eine doppelt negative Auswirkung für die Chemnitzer Kulturszene: einerseits sind die Konditionen so schlecht, dass es wohl kaum zu einer ausreichenden Nutzung des Angebots kommen wird, andererseits werden alternative Veranstaltungen wohl zukünftig noch repressiver behandelt, also entsprechend in der Zahl weniger werden. Damit kehrt sich der gewünschte Effekt des Projektes um – anstatt der Kulturlandschaft zu helfen, wird es zu ihrem Verfall beitragen. Das Landesjugendwahlprogramm der Linksjugend Sachsen fordert den Ausbau subkultureller Strukturen. Diese sollen von Seiten der Kommunen beispielsweise mittels Zuschüssen und dem Bereitstellen kostenlos verfügbarer Freiflächen zur unkommerziellen Nutzung unterstützt werden. Dass sich die Stadt Chemnitz bereit erklärt, Flächen zur Nutzung bereitzustellen, sehen wir als Schritt in die richtige Richtung an. Doch schon der Widerspruch zwischen kostenloser Bereitstellung, wie von der Linksjugend gefordert, und dem aktuellen, teuren Angebot der Stadt zeigt die massiven Mängel, die am positiven Effekt auf die Szene zweifeln lassen. Wir fordern, dass die Stadt die Flächen kostenlos zur Verfügung stellt und anfallende Ausgaben der Veranstalter zumindest teilweise mit übernimmt. Weiterhin fordern wir die Ausweitung des Angebotes auf Flächen im ganzen Stadtgebiet, die dann auch für Open-Air-Feiern geeignet sind. Wir freuen uns, dass die Stadt im Herbst das Projekt evaluieren möchte und hoffen dann auf einen offenen Dialog zwischen Kulturschaffenden und Politik, um die derzeit noch herrschenden Missstände offensiv anzugehen und zu beseitigen. In diesem Sinne sind wir durchaus zuversichtlich, dass das Angebot zukünftig der Chemnitzer Subkultur zugute kommen wird.

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